Aktionstage vom 09.03. bis zum 15.03.2009 – Gegen den deutschen Geschichtsrevisionismus

Alle Jahre wieder: Vom 13.03. bis zum 15.03.2009 werden im idyllischen Schaumburger Kurstädtchen Bad Nenndorf wieder einmal die jährlichen „Agnes-Miegel-Tage” stattfinden. Initiatorin dafür ist wie immer die heimische „Agnes-Miegel-Gesellschaft e.V.”, welche es sich laut eigener Aussage zur Aufgabe gemacht hat, „das Gedenken an die ostpreußische Heimatdichterin zu bewahren und in aller Welt bekannt zu machen“. Gemäß dieser Denkrichtung berichten Referent_innen und Rezitatorin_innen auf den Geselligkeitsveranstaltungen dieser Tage über Miegels Leben, oder tragen deren Gedichte vor. Darüber hinaus lädt die Miegel-Gesellschaft regelmäßig zu Lesungen in das zum Museum umfunktionierte ehemalige Wohnhaus Miegels, oder zu anderen Zusammenkünften in Bad Nenndorf ein. Fixpunkt ihrer Geschäftigkeiten sind jedoch die dreitägigen „Agnes-Miegel-Tage”, die althergebracht im Frühling erfolgen und einer Art „Miegel-Fan-Convention“ gleichen. Im vergangenen Jahr hatte sich dagegen erstmals ein Bündnis gegründet, um „die Agnes-Miegel-Begeisterten mit der deutschen Barbarei und deren grauenhaften Folgen zu konfrontieren“. Um das erklärte Ziel aus dem Vorjahr aufzugreifen, „der Ungestörtheit ab sofort ein Ende zu bereiten“, wollen wir daran anknüpfen und auch in diesem Jahr nachdrücklich symbolisieren, dass Kritik am deutschen Geschichtsrevisionismus im Allgemeinen sowie der Miegelschen Verherrlichung im Besonderen seit jeher angebracht war, ist und es auch weiterhin sein wird.

„Aufstehn, aufeinander zugehn – Voneinander lernen miteinander umzugehn – Aufstehn, aufeinander zugehn – und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht verstehn“ (Sven Schuhmacher)

Die aus dem Club so genannter ostpreußischer „Heimatvertriebener“ rekrutierte „Agnes-Miegel-Gesellschaft e.V.” stellt sich selbst als unpolitischer Haufen dar, gleichwohl ihre Mitglieder mindestens selbst enge Kontakte zu rechten Verbindungen, wie etwa revanchistischen Vertriebenenverbänden, innehaben. Die Mannigfaltigkeit der einstigen Geladenen reicht von bürgerlichen Konservativen bis hin zu Persönlichkeiten des (neo)nazistischen Spektrums, wie etwa Ursula Limmer von Massow, welche – wie der Rest ihrer Familie – tief in die rechte Szene verstrickt ist. Über dieses Umfeld hinaus bestand zudem eine enge ‚Kameradschaft’ zum inzwischen verbotenen „Collegium Humanum“ im ostwestfälischen Vlotho, dass bis 2008 eines der wichtigsten Zentren für Holocaustleugner_innen in Europa darstellte. So veranstaltete das „Collegium” beispielsweise eine Veranstaltung mit dem Thema: „Ostpreußens Beitrag zur Kultur Europas – Schwerpunkt Agnes Miegel und Ordensstaat.“ Auch die Sicht der Miegel-Gesellschaft auf die von ihnen verehrte Dichterin, so wie es öffentlich von ihnen in der Vergangenheit zu vernehmen war, mutet, insbesondere vor einem solchen Hintergrund und in Anbetracht Miegels Lebenslaufes (sowie lyrischer ‚Ergüsse’) weit mehr als nur eine dümmliche Analyse an. Sie präsentieren Miegel als eine harmlose Heimatdichterin, welche sie liebevoll mit dem Namen „Mutter Ostpreußens“ beschmücken. Schaut man allerdings einmal genauer hin, wen man mit der Person Miegel eigentlich vor sich hat, fällt die Maske schnell herab, die die Miegel-Gesellschaft ihrer „Mutter“ aufgesetzt hat. Denn auch, wenn ihre Fans es gerne anders zur Schau tragen, verbirgt sich hinter dieser nicht die mütterliche Güte einer sanften Dichterin, sondern vielmehr die Fratze einer lupenreinen „Blut-und-Boden“-Ideologin und begeisterten Unterstützerin des Nationalsozialismus. Hiervon ist bei der Miegel-Gesellschaft – wie könnte es auch anders sein – selbstverständlich keine Rede. Weder wird wegen Miegels Lobeshymnen an Adolf Hitler, Volk und Nation Anstoß genommen, noch wird Miegels Rolle als kulturelle Stütze des NS-Regimes kritisch reflektiert.

For sale: German identities for free

Doch nicht nur in Bad Nenndorf treibt der scheinbar ruhelose Geist der Agnes Miegel sein Unwesen, und nicht nur auf den „Agnes-Miegel-Tagen” wird dies zum Anlass genommen, um – dem Gebaren nach zu urteilen – an das ‚schreckliche Leid’ der Deutschen zu erinnern. Die unbeschwerte Verehrung Miegels ist eine weitverbreitete Erscheinung, die keineswegs nur als hiesiges ‚Phänomen’ zu erklären wäre. Nahezu in jedem größeren Ort gibt es eine „Agnes Miegel Straße“. Dazu kommen etliche „Agnes Miegel Schulen“, Gedenksteine oder -tafeln. Offensichtliches Ziel dieser Miegel-Akklamation – auf der einen Seite – ist der positive Bezug auf Deutschland, daneben steht auf der anderen Seite der Versuch einer Rehabilitierung durch den Nationalsozialismus belasteter Figuren. In einer unbestimmten Wesensgleichheit werden all jene herangezogen, welche die Nation ins rechte Licht rücken können respektive gerückt haben. Ob nun durch das 2000-jährige Jubiläum des Sieges in der Varusschlacht, oder gleich in der Diktion des Stauffenbergschen ‚Superhelden’ – ausschlaggebend ist die Message, dass ‚wir’ endlich wieder stolz auf uns selbst und unsere Geschichte sein dürfen, und wichtig: es auch sein sollen. Hierfür ist es beinahe bedeutungslos, ob es sich beispielsweise um einen persönlichen, oder um einen gesellschaftlich relevanten Bezug handelt – denn er entfaltet seine Bedeutung erst dadurch, dass er zu einer affirmativen Beziehung zu Deutschland gesetzt wird. Das Zustandekommen dieser deutschen Identität beruht infolgedessen auch nicht auf einer möglichst objektiven Betrachtung der Historie, sondern entsteht aus „kommunikativer Integrationsleistung und Konsensbildung“ über eine bestimmte Betrachtung der Geschichte. Gewisse Symbole werden mit einer Emotion aufgeladen und in einem speziellen Kontext verwendet, um eine Wiedererkennbarkeit und Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft zu erzielen. Solche Symbole können beispielsweise Denkmäler, Fahnen, Uniformen, Embleme, Jahrestage und Riten sein. Erst durch diese Intentionalität wird es ermöglicht, dass eine derart kollektive nationale Identität entstehen kann, dessen Aufgabe vornehmlich in der Sinnstiftung jener Zuschreibungen besteht. Hierdurch können Erinnerungen kontinuieren und ein Identifikationsmerkmal erzeugen, damit sich Menschen diesem Kollektiv als zugehörig empfinden und aus diesem Rahmen heraus ein deutsches ‚Wirgefühl’ konstituieren können. Um dies alles zu arrangieren, ist es essentiell, dass sich vermeintlich deutsche Erinnerungen innerhalb der Gemeinschaft immer neu generieren, so wie es bei der Glorifizierung Miegels noch immer der Fall ist.

Besser spät als nie

Auch im 64. Jahr nach der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands ist Miegel fernab von jeglicher kritischer Reflexion in aller Augen, Ohren und Munde. Dies können und wollen wir natürlich nicht länger akzeptieren. Darum möchten wir hiermit all diejenigen, welche der Verherrlichung Agnes Miegels und dem Rest der deutschen Konformität ebenso überdrüssig sind wie wir, auffordern, innerhalb der Aktionstage vom 09.03. bis zum 15.03.2009 kreativ gegen diese vorzugehen. Ob nun in Schaumburg oder anderswo, Gelegenheiten gibt es genug und Anlässe allemal!

Brechen wir also mit der geschichtsrevisionistischen Tradition Deutschlands: Gegen Agnes-Miegel-Kult und deutsche Volksgemeinschaft! Keinen Persilschein mehr für deutsche Täter_innen!

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S.], Februar 2009