»Die Geschichte des Pardons ist in Auschwitz zu Ende gegangen.«[1]

Der 9. November 1938, der als »Progromnacht«[2] den Ausgangspunkt für eine unbeschreibliche Grausamkeit in Deutschland markierte, war es, der den Weg aller weltweit lebenden Menschen fortan bestimmte, welche als jüdisch denunziert wurden. Jenes »Novemberprogrom« 1938 bildete die Ausgangslage eines systematisch organisierten Vernichtungswahns an Jüdinnen und Juden, dessen grausames Ende die Shoah war. Wir gedenken am 9. November 2008, genau 70 Jahre später, derer ermordeter, entrechteter sowie gedemütigter Opfer dieser antisemitischen Ideologie – insbesondere denen, die noch am Leben sind.

Antisemitismus in neuem Gewand

Der 9. November 1938, die »Kriegserklärung an die Juden«[3], die mindestens sechs Millionen Jüdinnen und Juden bis 1945 das Leben kostete, kann den Deutschen niemals verziehen werden. Zu viel Gräuel ging von diesem deutschen Volks-Konstrukt aus. Immerhin distanziert sich der NS-Nachfolgestaat – die Bundesrepublik Deutschland – seit seiner Staatsgründung 1949 gemäß dem Grundgesetz von den nationalsozialistischen Verbrechen und erklärt sich antifaschistisch. Nichtsdestoweniger tut es dem Antisemitismus hierzulande keinen Abbruch. Er beweist auch gegenwärtig noch durch verschiedene Prägungen seine Existenz und ist gerade durch das implizierte Wissen der Shoah als verwerflicher denn je einzustufen. Unabhängig von der gesellschaftlichen Strömung, tritt dieser in teils versteckten, teils offenen Ressentimentbildungen auf, die nach wie vor die gängigen antisemitischen Stereotypen bedienen und Zeichen eines Verschwörungsdenkens ist. In Übereinstimmung mit einer falschen, oder meist komplett fehlenden Kritik am falschen Ganzen, enttarnt sich eine Wut auf »die da oben«, »die Bonzen«, oder eben »die Juden« als affirmativ antisemitisch. Diese ist Charakter eines strukturellen Antisemitismus in der bürgerlichen Gesellschaft. Ob nun vereint im Deckmantel der Kritik am Staate Israel oder gemeinsam im Hass auf die USA zeigt sich heutiger Antisemitismus in einer trivial kollektivistischen Form, unter dessen Banner des Antizionismus und des Antiamerikanismus sich von Neonazis, über die demokratische »Mitte« bis hin zu vermeintlichen Linken einzelner Politiker_innen der Partei »Die Linke« alle einfinden können.

Deutsche Geschichtsverdrehung

Seitdem der »Mauerfall« 1989 jüngst eine Teilablösung der deutschen Erinnerungskultur des 9. Novembers als Gedenktag gegenüber dem »Novemberprogrom« eingenommen hatte, zeichnete sich das Erinnern in Deutschland zumeist immer mehr als Gelegenheit dafür aus, um nun auch endlich über die vermeintlichen deutschen Opfer sprechen zu dürfen. Ohne sich einer faschistischen oder antisemitischen Ideologie verdächtig machen zu brauchen, nutzen nun allerlei Couleur die Gunst der Stunde, einen Diskurswechsel herbeizuführen. Wo mancherorts der Antisemitismus auf Gedenkveranstaltungen am 9. November nicht einmal mehr zur Sprache kommt, oder als Randnotiz verkommt, dort ist der »Schlussstrich« längst Allgemeingut geworden. Im vereinten Chor der Unschuld stimmen Anfang September (»Tag der Heimat«) und am 16. November (»Volkstrauertag«) all jene mit ein, die nichts mehr von den deutschen Verbrechen hören wollen und beispielsweise stattdessen um die selbsternannten Opfer ostpreußischer »Vertreibung« trauern. Mit der deutschen »Wiedervereinigung«, ab dem Zeitpunkt, wo Willy Brandt (SPD) »nur noch Deutsche« und »keine Parteien mehr kannte«, bekamen die sich gern als Opfer sehenden Deutschen einen weiteren Tag hinzu, an dem sie sich über das Leid, eine geteilte Nation sein zu müssen, nun auch am heutigen 9. November erinnern können.

Schaumburger Spezialitäten

Beispielhaft präsentieren sich auch hier im Landkreis Schaumburg einige Anhänger_innen dieser antisemitischen Ideologie besonders renitent. Die hiesige Neonazi-Szene aus dem Umfeld der »Nationalen Sozialisten Ostwestfalen-Lippe/Schaumburg« beweist in unermüdlicher Weise ihre fanatische Weltanschauung immer wieder aufs Neue. Besonders beim jährlichen so genannten »Trauermarsch« in Bad Nenndorf wird ihre offene Agitation offensichtlich: Das »Wincklerbad« in Bad Nenndorf – dem Anlass der »Trauermärsche« –, welches von 1945 bis 1947 ein britisches Internierungslager für deutsche Kriegsverbrecher_innen war, vergleichen die Neonazis mit dem Unvergleichbaren, mit Konzentrationslagern wie etwa Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau, Sobibor oder Treblinka. Dies unterscheidet die Neonazis von anderen rechten Antisemit_innen elementar, da sie sich somit nicht nur der bekannten Täter_innen-Opfer-Umkehr bedienen – so wie es revanchistische und geschichtsrevisionistische Gruppen gerne tun –, sondern weiter gehen und den Nationalsozialismus mit all seinen antisemitischen Verfolgungspraktiken keineswegs als etwas Abscheuliches kritisieren. Das Gegenteil ist der Fall: Sie heißen es gut.

Erinnern heißt kämpfen

Die Zeichen der Zeit, die nicht nur Wachsamkeit, vielmehr ein aktives Handeln erfordern, »auf dass sich Auschwitz nicht wiederhole«[4], sind es, die uns die unentbehrliche Schlaflosigkeit bereiten. Doch müde werden wir nie gegen diese Brutalität aufzustehen und ihre Schuld anzuklagen. Das Erinnern an die unvergleichliche deutsche Unmenschlichkeit sind unlängst Notwendigkeiten, stets kritisch die Vorgänge in Deutschland zu hinterfragen und die Verantwortung der Verantwortlichen zu überprüfen. Denn die Täter_innen und Helfer_innen der deutschen Ideologie sind allezeit unter uns.

Aus diesem Grunde kann es heute am 9. November wie auch in Zukunft nur heißen:

Kein Vergeben, kein Vergessen!
Deutsche Täter_innen sind keine Opfer!
Antisemitismus in all seinen Formen bekämpfen!

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S.], November 2008

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[1] Vladimir Jankélévitch, Das Verzeihen – Essay zur Moral und Kulturphilosophie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003
[2] http://zukunft-braucht-erinnerung.de/holocaust/ausschreitungen-und-judenpolitik-seit-1935/176.html
[3] Wilfred Mairgünther, Reichskristallnacht, Neuer Malik Verlag, Kiel, 1987
[4] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1966