Gegen die Verklärung der Vergangenheit!

Heute findet in der Stadtbücherei in Stadthagen eine Lesung mit Tatjana Gräfin Dönhoff zu ihrem Buch „Die Flucht“ statt. Der Roman, dessen Verfilmung 13,55 Millionen Zuschauer_innen auf „ARD“ und „Arte“ sahen, behandelt die Flucht von Menschen aus Ostpreußen kurz vor der Niederlage Nazideutschlands. Trotz unbehelligter Akzeptanz in nahezu allen Rezeptionskanälen des öffentlichen Diskurses zu dieser Thematik, sind wir der Meinung, das Augenmerk auf die verklärende Vergangenheitssicht dieser medialen Produkte lenken zu müssen.

Dass ein Roman keine objektive Wiedergabe der historischen Realität darstellen kann, ist hervorzusehen, gerade unter dem Aspekt, wenn sich in diesem Fall im verwandtschaftlichen Umfeld der Autorin eine ebensolche Geschichte ereignet hat. Wie üblich werden auch in „Die Flucht“ individuelle Erlebnisse in einen überindividuellen und gesamtgesellschaftlich relevanten Zusammenhang gesetzt. Die vermeintlichen Opfer von „Vertreibung“ nutzt man in gelernter ‚Bewältigungsmanier’, um die Personifizierung einzelner armer Teufel – hier Lena Gräfin von Mahlenberg nebst Anhang –, als große ‚Ostpreußen-Bande’ zu präsentieren, welche sich aus Furcht vor der „roten Gefahr“ in einem völkischen Kollektiv zusammengefügt hat. Das individuelle Leid steht somit Chiffre für das deutsche Kollektiv, das ja laut Eigenempfinden per se schon immer Opfer war: Opfer der Nationalsozialist_innen anfangs und später Opfer der alliierten Besatzung. Gegen eine solch verzerrende Darstellung der Vergangenheit ist sich jedoch vehement zu wehren. Wenn durch Darlegungen, insbesondere durch solche Medienprodukte wie „Die Flucht“, eine singuläre Darstellung des ostpreußischen Opfertums vollzogen und eine Nähe bzw. Verbundenheit zum Nationalsozialismus offensichtlich als etwas Fremdartiges abgetan wird, verklärt sich das kulturelle Langzeitgedächtnis der deutschen Volksgemeinschaft zusehends, so dass ein verantwortungsvoller Umgang mit der Vergangenheit zu Nichte gemacht wird. Solange die Nicht-Thematisierung der aktiven Teilnahme an der Politik des Dritten Reiches ein Mittelpunkt der sogenannten deutschen ‚Vergangenheitsbewältigung’ – wohl eher der typisch deutschen Vergangenheitsverdrängung ist, was das Beispiel Ostpreußen veranschaulicht –, wirkt die Forderung nach dem berühmten Schlusstrich-Ziehen des Geschehenen nahezu schon geistlos. Grausig ist, dass eine Verdrehung der Opferrollen nicht nur in der ‚Ostpreußen-Thematik’ auftaucht, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Abhandlungen ein neues Zuhause gefunden hat. Relativierungen der deutschen Geschichte, welche auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft ihren festen Platz haben, finden ihren Ausdruck in vielerlei Ausprägungen: Sei es nun bei der Rehabilitierung von NS-Verbrecher_innen (April 2007; Günther Oettinger, CDU), Leugnung der Shoah (Januar 2009; Richard Williamson, Katholischer Bischof), oder gar bei positiven Bezügen zum nationalsozialistischen Weltbild (September 2007; Eva Hermann, Autorin).

Wir wenden uns entschieden gegen jegliche Darstellungen, die die deutsche Schuld als Ursache der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik am Zweiten Weltkrieg zu romantisieren, zu relativieren und abzustreiten versuchen und somit zu einem verschleiernden kollektiven Gedächtnis samt dem dazugehörigen Verständnis der Vergangenheit beitragen.

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S.], März 2009