»Die Gustloff« und die Angst vor der Wahrheit schwimmen immer mit

Heute, am 19.10.2008, findet im Bückeburger Rathaus eine Lesung der Autorin Tatjana Gräfin Dönhoff zu ihrem Buch »Die Gustloff« statt. Auf dieses Buch folgte der gleichnamige Fernseh-Zweiteiler, den das ZDF im März 2008 ausstrahlte. Die Geschichten, die sich in diesem schwer auf deutschem Opfer getrimmten Film zeigen, suggerieren in gewohnter Manier einen bürgerlichen Wunsch nach einem »Schlussstrich«[1] der deutschen Schuld. Hinter diesem Wunsch verbirgt sich nichts weniger als der zivilgesellschaftliche Geschichtsrevisionismus, der erst den Grundstein dafür legt, niemals mehr Frieden mit Deutschland fordern zu dürfen, da selbst im 63. Jahr nach der Kapitulation Deutschlands, also bis heute, kein vollständiges Schuldeingeständnis erfolgt. Grund genug, um heute und auch weiterhin gegen geschichtsrevisionistische Veranstaltungen dieser Art zu protestieren und die Erinnerung an die deutsche Barbarei am Leben zu erhalten.

Ob nun wie heute »Die Gustloff«, oder »Die Flucht«: Tatjana Gräfin Dönhoff hat offenbar ein Faible für den ostpreußischen »Heimatepos«. Auf ihr erstes Buch »Weit ist der Weg nach Westen«, welches 2005 erschien, folgte eine Reihe von »Vertriebenen-Geschichten«, die anscheinend als »Aufarbeitungsprozess« dienen sollten. »Ich bin die erste Dönhoff, die nicht in Ostpreußen geboren wurde und aufwuchs«[2], stellte die 1959 geborene Dönhoff clever fest. Gewidmet wurde dieses Buch der 2002 verstorbenen Großtante Marion Gräfin Dönhoff, langjährige Mitherausgeberin der Wochenzeitung »Die Zeit«. Die Flucht ihrer Großtante 1945 aus Ostpreußen scheint ein gewichtiger Motor der jungen Dönhoff zu sein, um sich mit Ostpreußen auseinanderzusetzen. Sich mit der eigenen Geschichte zu befassen ist generell empfehlenswert. Nur leider schießt Tatjana Gräfin Dönhoff dabei über ihr Ziel hinaus und begibt sich auf das Themengebiet der extremen Rechten. Dass es sich dabei um keine Eintagsfliege handelte, beweist ihr drittes Buch »Die Flucht«. Dieser Roman, der ähnlich wie »Die Gustloff« gestrickt ist, geizt ebenfalls nicht an deutscher- bzw. ostpreußischer Tugend: Hauptdarstellerin, im 2007 ebenfalls verfilmten Roman, Maria Furtwängler, sah die Frauen in ostpreußischen Flüchtlingstrecks als »Heldinnen […] denen ja gar nichts anderes übrig blieb, […] als ihre Männer zu ersetzen, weil diese ja im Krieg waren«[3]. Dem ist eigentlich nichts weiter anzumerken, außer, dass die »Nationaldemokratische Partei Deutschlands« (NPD) wohl in etwa das selbe sagen dürfte.

»Nobel geht das Reich zugrunde: Als Landadlige versucht Maria Furtwängler in dem zweiteiligen Vertriebenen-Melodram »Die Flucht« zum Kriegsende ihre Schutzbefohlenen aus Ostpreußen herauszuführen – der Film aber bleibt in gediegenen bis gefährlichen Stereotypen stecken. Der deutsche Film und das Dritte Reich – es kam bislang selten etwas Gutes heraus. Man sucht sich seine Helden und Heldinnen, um wenigstens etwas Licht ins schwärzeste aller deutschen Geschichtskapitel zu bringen. Dem Durchschnittsmenschen lässt sich, so glauben wohl die meisten TV-Autoren, dramaturgisch einfach nichts abgewinnen. In dem ARD-Zweiteiler wird nun ziemlich ungebrochen der edlen vordemokratischen Attitüde des ostpreußischen Landadels gehuldigt: Man verlangt von seinen Leuten Gehorsam, dafür kümmert man sich aber auch heroisch um sie.«[4]

Rechte Aussagen von Furtwängler wie diese, welche wie selbstverständlich im Minutentakt hinausposaunt werden, sind es, die tatsächliche Rechtsaktivisit_innen salonfähig machen. Wie zum Beispiel an der Person Heinz Schön zu sehen ist. »Heinz Schön (81), der bis zur Pensionierung Verkehrsdirektor der Stadt Herford war, gehört zu den wenigen Überlebenden der »Wilhelm Gustloff«. Er war 18 Jahre alt und Zahlmeister-Assistent, als das Flüchtlingsschiff 1945 in der Ostsee sank und mehr als 9.000 Menschen ums Leben kamen. Seine Veröffentlichungen über die »Gustloff« lieferten eine Vorlage zu Günter Grass‘ Buch »Der Krebsgang«, wodurch Schön einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Davor waren seine Bücher mit Titeln wie »Hitlers Traumschiffe« oder »Heimatland in Feindeshand«, die meist von Flucht und Vertreibung oder militärische Themen handeln, im extrem rechten Arndt-Verlag aus Kiel erschienen. In diesem Umfeld scheint sich Schön wohlzufühlen. Auch das Buch »Mythos Neu-Schwabenland« ist im extrem rechten »Bonus-Verlag« erschienen. Der Verlag gehört zum Unternehmenskomplex um den »Arndt-Verlag« in Kiel. Über den angeschlossenen Buchdienst »Lesen & Schenken« werden zahlreiche neonazistische Bücher, Devotionalien und CDs entsprechender Liedermacher und Musikgruppen vertrieben. Im ostwestfälischen NPD-Blatt »Die Weserwarte« wurde Schön als »Revisionist aus unserer Heimat«[5] vorgestellt. Dank seiner Veröffentlichungen könnten nun den »alliierten Lügenerzählern« die Zähne gezeigt werden. Auch als Referent auf extrem rechten Veranstaltungen ist der Bad Salzuflener gefragt.

Wir fordern daher: Aktiv gegen deutsche Opfermythen und Geschichtsrevisionismus vorgehen! Für ein aufgeklärtes, antifaschistisches und emanzipatorisches Geschichtsverständnis!

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S.], Oktober 2008

_______________________________________________________
[1] http://www.hagalil.com/archiv/99/12/schluss-strich.htm
[2] http://www.abendblatt.de/daten/2005/01/17/387734.html
[3] http://www.arte.tv/de/film/Fernsehfilme-auf-ARTE/Interviews/1496990.html
[4] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,469480,00.html
[5] http://www.antifa-west.org/x05nazis/antarktis