Den rechten Konsens durchbrechen!
Gegen Revanchist_innen-Treffen in Bad Nenndorf!

Vom 21.-23. September 2007 findet das „Hauptkreistreffen“ der „Kreisgemeinschaft Wehlau e. V. in der Landsmannschaft Ostpreußen e. V.“ in Bad Nenndorf statt. Alljährlich trifft sich dieser Kreis in der Wandelhalle in Bad Nenndorf und zelebriert den Hauch der alten Volksgemeinschaft. Doch was verbirgt sich hinter dieser Gemeinschaft und warum ist immer wieder Bad Nenndorf Ort dieser Treffen? Der Landkreis Wehlau ist ein ehemaliger Landkreis in Ostpreußen und bestand als preußisch-deutscher Landkreis in der Zeit zwischen 1818 und 1945. Im Frühjahr 1945 wurde das Kreisgebiet durch die Rote Armee vom Nationalsozialismus befreit und danach Teil der Sowjetunion. Die heutigen Treffen des Wehlauer Kreises beziehen sich im Wesentlichen auf die Brauchtumspflege der Vergangenheit. Dazu gehören Fahrten zu ihren alten Stätten, das Pflegen von Kulturgut ostpreußischer und mythologisierter Heroen, oder schlichtweg die Weitergabe eigener alter Leidensgeschichten – mit implizierter Ausblendung der Leidensgeschichten auf der anderen Seite. Bad Nenndorf dient hierbei durch seine besondere Rolle Agnes Miegels als ‚heiliger Ort’ des Spektrums sogenannter „Vertriebener“ und wird nicht nur allein von diesem ostpreußischen Kreis als Versammlungsort missbraucht.

Ostpreußen – kein deutsches Problem

Das „Hauptkreistreffen“ der Wehlauer „Kreisgemeinschaft“ bewegt sich kulturell grundsätzlich im Rahmen des Unzumutbaren. Politisch indessen ist längst jede abstoßende Grenze überschritten worden. Der Faktum wie ostpreußische und andere „Vertriebenen“-Gruppen agieren, spricht nahezu schon für sich. Es wird sich erdreistet, eine Art kommunales Exil-Parlament in Form eines „Kreistages“ zu installieren, um sich selbst anscheinend nicht einräumen zu müssen, dass Ostpreußen bereits seit 1945 nicht mehr in Deutschland liegt. Allein diese relativierende Nicht-Anerkennung der Geschichte ist ein Skandal sondergleichen, welcher zu wenig in der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit thematisiert wird. Auf diesen Treffen in Bad Nenndorf lud man sich in den vergangenen Jahren stets Referent_innen aus rechtsextremen Kreisen ein, die vor versammelter Bagage mehrfach als Hauptredner_innen sprechen durften. „Dass man Ostpreußen weiterhin als deutsches Gebiet ansieht“, dafür setzte sich Sprecher der rechten „Landsmannschaft Ostpreußen“ und CDU-Politiker Wilhelm von Gottberg ein, als er 2001 die ehrenvolle Obliegenheit des prominenten Redners auf dem „Hauptkreistreffen“ übernahm. Als „Festredner“ 2003 sprach Hans-Joachim von Leesen, welcher Autor des reaktionären „Ostpreußenblattes“ und der neofaschistischen Wochenzeitung „Jungen Freiheit“ ist. Auf dem „Hauptkreistreffen“ 2004 sprach sogar der Redakteur des „Ostpreuÿenblattes“ – Hans Heckel – als „Referent der Feierstunde“, der als Führungsfigur des rechten Vertriebenenspektrums bezeichnet werden muss. Er schrieb nach einem Besuch in Görlitz drohend in Richtung der polnischen Bevölkerung: „Die Oder-Neiße-Linie ist das Mahnmal des Verbrechens, das zu ihr führte.“ Heckel meinte natürlich nicht den Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen, sondern das „Verbrechen der Vertreibung“. Und auch selbst im Vorstand der „Kreisgemeinschaft Wehlau“ sitzen Mitglieder, die sogar Schlüsselpositionen in rechten Gefilden innehaben. Einer davon ist René Nehring, der neben seiner Vorstandstätigkeit in der „Kreisgemeinschaft“ bundesweiter Vorsitzender der „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“ ist. Jene „Landsmannschaft“ meldet – nebenbei erwähnt – auch die jährlichen Naziaufmärsche in Dresden an, um sich ungeniert als „Bombenopfer“ – die offensichtlich eigentlichen Opfer des Krieges – darzustellen. Diese Aufzählung von Verbindungen allein der „Kreisgemeinschaft Wehlau“ zu Personen der extremen Rechten ließe sich beliebig fortführen.

Geschichtsrevisionistin – und Verwandtschaft

Verschweigen wollen wir in diesem rechten Arrangement auch nicht die „Agnes-Miegel-Gesellschaft“, die in Bad Nenndorf ihren Sitz hat. Die besonders in Vertriebenenkreisen hoch angesehene Agnes Miegel, „Mutter Ostpreußens“ genannt, wurde u.a. in die „Sektion für Dichtung“ der „Preußischen Akademie der Künste“ berufen. In der Folge wurden der Schriftstellerin zahlreiche Preise und Auszeichnungen verliehen, so u.a. 1939 das „Ehrenzeichen der Hitlerjugend“. Die NS-Frauenschaftlerin bedankte sich auf ihre Weise: 1940 trat Miegel der NSDAP bei. Aus Miegels Feder stammen auch Hymnen auf Adolf Hitler: „Neid hat er und Bruderhass gestillt. Unsere Herzen, hart von Not und Krieg, hat mit seinen glühenden, glaubensvollen Worten er durchpflügt wie Ackerschollen, bis ein neuer Frühling auf uns stieg“. Eine jährlich an ostdeutsche Dichter zu verleihende Plakette gleichen Namens war während des Nazi-Regimes von der „NS-Kulturgemeinde“ gestiftet worden. Im „Biographischen Lexikon zum Dritten Reich“ (Hermann Weiß, Hg., Fischer-Verlag 1998) heißt es über Agnes Miegel u.a.: Für die Nazis war es „ein Gewinn“, diese „seit über dreißig Jahren etablierte und bekannte Heimatdichterin“ in der Deutschen Dichterakademie als Aushängeschild präsentieren zu können. In der Folge zeigten sich in den Werken der ,Mutter Ostpreußens’ „Elemente einer mythologisierenden Blut-und-Boden-Romantik, die eine Affinität zu nationalsozialistischen Ideen erkennen lassen“. Die Popularität der Schriftstellerin wurde auch durch die Befreiung vom NS-Faschismus nicht gebrochen. In Bad Nenndorf, wo Agnes Miegel nach Krieg und Faschismus lebte, wurde sie zur Ehrenbürgerin ernannt. Zahlreiche Straßen und Schulen erhielten den Namen der mit dem Naziregime eng verstrickten Ostpreußin. Nicht nur in der einschlägigen neofaschistischen Presse wird die Miegel heute noch geehrt. Die im Umfeld der „Landsmannschaft Ostpreußen“ beheimatete „Agnes-Miegel-Gesellschaft“ führt regelmäßig ihre „Agnes-Miegel-Tage“ in Bad Nenndorf durch. Zwar grenzt sich die „Gesellschaft“ öffentlich vom Nationalsozialismus ab, lud aber in der Vergangenheit zu den sogenannten „Agnes-Miegel-Tagen“ beispielsweise ‚Persönlichkeiten’ wie Gisela Limmer von Massow ein, die Miegel-Gedichte vor bekanntem Kreis zum besten geben sollte. Limmer von Massow ist sich aber auch nicht zu schade auf Deutschlandtreffen der „Landsmannschaft Ostpreußen“ aufzutreten, ein Aufruf zur Rückführung der „Benesch-Dekrete“ an Deutschland zu unterzeichnen, oder für die rechte Zeitschrift „Nation und Europa“ eine CD mit dem Titel „Verlorene Heimat“ mit Rechtsextremist Walter Marinovic aus Wien aufzunehmen. Beziehungen hat sie auch zum bundesweit bedeutenden „Collegium Humanum“ nach Vlotho, wo sie ihre Kontakte zu Ursula Haverbeck-Wetzel pflegt, die bereits wegen Volksverhetzung verurteilt wurde.

Bad Nenndorfer_innen – hört die Signale

Es ist unfassbar wie sich seit Jahren ein derartiger ‚Kult’ in Bad Nenndorf etablieren konnte und weshalb es von Seiten der Stadt aus nie den Versuch gab, gegen diese rechten Demagogen aktiv zu werden. Fairerweise sollten sich allerdings alle diese Frage stellen: „Wieso konnte es nur soweit kommen?“ Denn, dass gerade ‚wir’ Deutsche uns niemals auf ‚die da oben’ verlassen können, das haben wir aus der Geschichte gelernt. Darum ist jedes individuelle Engagement im Kampf gegen die Wiederholung aller rechter Neigungen gefragt. Denn diese deutsche Geschichte droht sich Stück für Stück zu wiederholen, und zwar genau hier! Seit letztem Jahr an marschieren Neonazis, welche sich auch als solche zu erkennen geben, regelmäßig durch Bad Nenndorf. Und jedes Mal, als sie versuchten ungestört im Kurort aufzumarschieren, gab es einen breiten Widerstand gegen sie. Wir fordern daher von allen denkenden Menschen auch einen genau so breiten und phantasievollen Widerstand gegen die ‚Aufmärsche’ der „Kreisgemeinschaft Wehlau“, der „Agnes-Miegel-Gesellschaft“ und ähnlichen rechten Zusammenschlüssen. Wenn sich die Stadt Bad Nenndorf oder Bürgermeister Bernd Reese anmaßen für die Bürger dieser Stadt zu sprechen, dann fordern wir auch sie auf, wenigstens jetzt die Augen zu öffnen und endlich zu handeln!

Keine Treffen von Geschichtsrevisionisten in Bad Nenndorf!
Keine Akzeptanz mehr für alte und neue Nazis!
Keine Wiederholung der Geschichte!
Ihr habt den Krieg verloren, und das ist auch gut so!

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S.], September 2007