An diesem Wochenende finden hier zum wiederholten Male die Agnes-Miegel-Tage statt. Grund genug für uns dagegen zu demonstrieren. Die Agnes-Miegel-Tage sind Ausdruck des in Bad Nenndorf seit Jahren unbefangen praktizierten Geschichtsrevisionismus, welcher durch die ortsansässige Agnes-Miegel-Gesellschaft initiiert wird.

Dies ist möglich, da Bad Nenndorf sich nie öffentlich dagegen positionierte. 1969, fünf Jahre nach Agnes Miegels Tod, gründete sich in Bad Nenndorf die Agnes-Miegel-Gesellschaft. Initiator_innen waren dabei vorwiegen so genannte Vertriebene, welche vorwiegend aus dem ehemaligen Ostpreußen stammten. Die Motivation der Gründung geben sie mit dem Wunsch nach dem Bekenntnis und der Liebe zur ostpreußischen Heimat, Natur und Geschichte an. Das dabei Agnes Miegel eine zentrale Rolle spielt ist kein Zufall: Die so genannte Heimatdichterin stammt ebenfalls aus Ostpreußen uns siedelte nach der Niederlage des Nationalsozialismus nach Bad Nenndorf um. Was Agnes Miegel in der NS-Zeit getan hatte, wird dabei bewusst verschwiegen. Sie diente bereitwillig als Gallionsfigur für das, was die NSDAP „deutsche Kultur“ nannte. Während die Werke von Autor_innen, die nicht ins genormte Bild des faschistischen Deutschlands passten, 1933 verboten und in einer Aktion „wider dem undeutschen Geist“ bezeichneten Bücherverbrennung vernichtet wurden, trat Agnes Miegel, überzeugt von der nationalsozialistischen Ideologie und von Adolf Hitler in die Deutsche Akademie der Dichtung ein. Die Mitgliedschaften in der NS-Frauenschaft 1937 und der NSDAP 1940 folgten. Zusätzlich nahm sie 1939 das Ehrenzeichen der Hitlerjugend entgegen. Ihrer unverhohlenen Begeisterung von den Faschismus verlieh sie neben diesen Bekenntnissen auch in ihren Gedichten Ausdruck, wie etwa ihrem Gedicht „An den Führer“, in welchem sie sich wie folgt äußerte:

Lass Deine Hand Führer
uns vor aller Welt bekennen
Du und wir, nie mehr zu trennen
Stehen ein für unser Vaterland

Miegeldichtungen dieser Art finden sich zu Hauf in ihrer Historie, in denen sie sich positiv auf Adolf Hitler und die Blut-und-Boden-Ideologie bezieht. Unter diesem Aspekt wirkt die offizielle Aussprache der Agnes-Miegel-Gesellschaft gegen den Nationalsozialismus absurd, wenn nicht gar zynisch. Denn in ihrer Satzung wird betont, dass es ihr erklärtes Ziel sei, „das Andenken der Dichterin zu bewahren und in der Öffentlichkeit lebendig zu erhalten, die Bedeutung ihres Werkes herauszustellen, es zu deuten und Maßnahmen durchzuführen, die diese Aufgabe zu erfüllen helfen“. Mehr noch: Wenn man die Kontakte betrachtet, welche die Gesellschaft zu anderen Personen und Organisationen unterhält, wird schnell deutlich: Die Agnes-Miegel-Gesellschaft steckt mitten im braunen Sumpf! So unterhält die erste Vorsitzende der Gesellschaft, Dr. Marianne Kopp, gute Kontakte zur Familie Limmer von Massow, welche eine Bastion im organisierten Geschichtsrevisionismus darstellt. Auch die guten Beziehungen zur mehrfach verurteilten Volksverhetzerin Ursula Haverbeck- Wetzel, unterstreichen nicht gerade eine antifaschistische Einstellung. Dieses Umfeld der vermeintlich ach so korrekten Agnes-Miegel-Gesellschaft betreibt mit dem Collegium Humanum in Vlotho, eines der wichtigsten Zentren für Holocaustleugnung im europäischen Raum.

Der Kreis der Agnes-Miegel-Verherrlichung schließt sich also nicht nur beim Kaffeetrinken älterer Damen und Herren, die alle Jubeljahre die Uhr mit Ostpreußenromantik zurückzudrehen versuchen, sondern in der organisierten Leugnung nationalsozialistischer Verbrechen, an dessen traurigen Höhepunkt die Shoah steht. Okay, wenn wir schon mal hier in Bad Nenndorf sind, wollen wir die Dinge doch einmal beim Namen nennen; denn dabei, dass so genannte Volksdeutsche sich hier ungestört versammeln können, bleibt es ja nicht mal: Seit 2006 an marschieren Neonazis regelmäßig in Bad Nenndorf auf und kündigen bis mindestens 2010 neue Aufmärsche an.

Wo es anfangs, vermutlich aus Neugier und falschen Großstadtmentalität heraus, noch Protest gab, überbot man sich 2007 in kreativer Tatenlosigkeit. Zwar machte die Antifa wieder mobil, doch blieb sie großenteils unter sich. Die Polizei nutzte diesen Moment der Spaltung um ihre Repressionswünsche in die Realität umzusetzen.

Die Neonazis nutzten sie, um ungestört zu marschieren. Wie man es auch dreht: Bad Nenndorf ging nicht gut aus dieser Untätigkeit hervor. Wo mancher Orts wenigstens der scheinheilige Versuch gestartet wird, in totalitaristischer Manier den demokratischen Konsens zu beschwören, oder durch Protest den eigenen Standort nicht zu gefährden, träumt man in Bad Nenndorf – vermutlich in einer Hängematte zwischen den Süntelbuchen – nur vor sich hin und lässt es passieren. Ein Grund mehr, warum wir es für nötig halten selbst aktiv zu werden und diesem Treiben ein Ende zu bereiten! So wie heute, wo wir gegen den Revisionismus der Agnes-Miegel-Gesellschaft protestieren, genauso werden wir dies auch gegen Neonazis tun, die sich hier im Sommer wieder die Ehre geben wollen. „Aus den Augen aus dem Sinn“ – dass diese Redewendung nicht stimmt, machen wir heute spruchreif. Denn wir machen heute spruchreif. Denn wir werden nicht zulassen, dass die Öffentlichkeit ihre Augen von dem abwendet, was mit schierer Offensichtlichkeit falsch läuft. Weder in Bad Nenndorf, noch anderswo!

Geschichtsrevisionismus angreifen!
Den nationalen Konsens kippen!
Mit dem Agnes-Miegel-Kult brechen!

Kritische Initiatiave Schaumburg [K.I.S.], März 2008