Auch wir nehmen heute an dieser Demonstration teil. Im exakt 64. Jahr nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ist es auch uns ein großes Bedürfnis, dieses Datum nicht verblassen zu lassen. Schließlich markierte der 8. Mai 1945, der sogenannte „Tag der Befreiung“, oder „day of liberation“, das zeitweilige Ende der deutschen Barbarei. Ausdrücklich den westlichen Alliierten sowie der sowjetische Roten Armee gilt daher unser besonderer Dank, da sie es waren, die die Dekonstruktion des faschistischen Wahnsinns leisteten.

Doch, dass dieser emanzipatorische Anspruch von einem Großteil der deutschen Gesellschaft nicht internalisiert worden ist und werden will, zeigt sich in diesem Supergedenkjahr 2009: Dem selbst bejubelten Jahr der ‚großen deutschen Feierlichkeiten’. Sei es nun das 60. Jubiläum der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, der Mauerfall vor 20 Jahren, oder der national aufgeblasene Varusschlacht-Mythos. Ein Jahr, in dem sich die Volksgemeinschaft selbstbewusster, freier und stolzer darstellen will als sonst sowieso schon üblich – man bedenke das schwarz-rot-goldene Spektakel zur Männer-Fußball-WM im Jahre 2006. Da kommt die nun manifest gewordene Wirtschaftskrise gerade recht. Schließlich kann man dem herumspukenden Gespenst des globalen Finanzkapitals am besten trotzen, wenn mensch sich im externalisierten Hass des Patriotismusfanblocks der BRD formiert. Aber was steht hinter dieser Glorifizierung? Ist es nur das nach außen hin starke und selbstbewusste Auftreten geläuterter ‚Vergangenheitsbewältigungsweltmeister’, die nun endlich wieder frei von all den Schrecklichkeiten der Vorwelt ihr neues Leben genießen wollen?

Wohl kaum. Jüngste Ereignisse stehen mit diesem postulierten, neuen und gereinigten Selbstverständnis in Widerstreit. So sorgten zum Beispiel die positiven Bezüge zum Nationalsozialismus im September 2007 durch Eva Hermann für Aufsehen. Und auch die Rehabilitierung von NS-Verbrecher_innen durch den baden-württembergischen Landesvorsitzenden der CDU und Ministerpräsidenten Günther Oettinger kamen der neuen deutschen Opferdiskurs-Agenda durchaus ungelegen. Freilich nicht erwähnenswert, dass auch die Leugnung des Shoah durch den britischen Bischof Richard Williamson im Januar 2009 Deutschland so was von peinlich war, dass sich Angy Merkel genötigt sah dem ‚Oberhirten’ „Papa Ratzi“ gehörig die Meinung zu geigen; und selbst das ‚Volksorgan’ „Bild“ machte Stimmung und spekulierte über die Absetzung des Papstes. Nun könnte man also wirklich glauben, dass der NS-Nachfolgestaat gegenüber einer rassistischen und antisemitischen Ideologie inzwischen immun sei, beweist es die BRD ja darüber hinaus schließlich auch im praktischen Kampf gegen Rechts, wie etwa mit Verboten von Neonazi-Aufmärschen und jenen Gruppierungen. Dass es sich in dieser vermeintlichen ‚Grundwahrheit’ nur um eine Apologie handeln dürfte und das darin die ultimative deutsche Lehre aus der Geschichte besteht, das zeigt sich mannigfaltig in harmonischer Eintracht: So zu sehen in der Debatte um ein europäisches „Zentrum gegen Vertreibungen“, bei der sich Erika Steinbach (CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsidentin des „Bundes der Vertriebenen“) linientreu und exklusiv für die deutschen Opfer des Nationalsozialismus einsetzt und widerrum Fürsorge der Bundespolitik und der Zivilgesellschaft dieser geschichtsrevisionistischen und revanchistischen Ziele erfährt.

Nebst dieser Ereignisse leisten auch TV-Events wie „Die Gustloff“ und „Die Flucht“ ihren Beitrag zur Verschwammung der deutschen Geschichte und der nicht enden wollenden Täter_innen-Opfer-Umkehr. Das in den Filmen dargestellte individuelle Leid steht somit Chiffre für das deutsche Kollektiv, das ja laut Eigenempfinden per se schon immer Opfer war: Opfer der Nationalsozialist_innen anfangs und später Opfer der alliierten Besatzung.

Solange also die Nicht-Thematisierung der aktiven Teilnahme an der Politik des „Dritten Reiches“ ein Mittelpunkt der sogenannten deutschen ‚Vergangenheitsbewältigung’ ist – wohl eher der typisch deutschen Vergangenheitsverdrängung –, wirkt die Forderung nach dem berühmten ‚Schlussstrich-Ziehen’ des Geschehenen nahezu geistlos. Die Abfeierei der deutschen Nation fungiert somit als qualitativ neuer Kitt für die Konstruktion einer sauberen gemeinschaftlichen Identität.

Die kritische Reflexion des deutschen Spezifikums sollte jedoch heute wie auch in Zukunft unentbehrlich bleiben, um nicht – kurz gesagt – den konsequenten Weg in den Elfenbeinturm antreten zu müssen, indem das Fortwesen der deutschen Ideologie weiterhin arbeitet. Ausreichende Triebkraft für ein aufgeklärtes Individuum daher, um zum Beispiel am 8. Mai eindeutig Position zu beziehen, aber zugleich und gerade auch unumgänglich für eine emanzipatorische Linke, die sich nicht zwischen der Motivation für Bewegung und dem Zwang der Gemeinschaft verlieren will, kurzum: endlich mit Deutschland brechen sollte.

Denn selbst gegenwärtig bleibt jener Erkenntnisgewinn nur pure Theorie. Die Totalität, in der sich das organisierte Deutschtum bewegt, gleicht nicht dem Anspruch an Emanzipation wie es die Merkels, Meiers und Müllers zur Schau tragen. Es ist die Pseudorealität, die so wahnhaft wie deutsch daherkommt. In unitarischer Toleranz lebt es sich nach Jahr und Tag heute ebenso gut: So stellt das Gerücht über die Juden, der Antisemitismus, auch nach Auschwitz kein Problem dar, sondern beweist deutsches Pflichtbewusstsein in der Feindlehre.

Eben diesen Tatsachen zum Anlass sind wir hier, um uns entschieden sowie trotzig gegen jegliche Relativierungen und Verharmlosungen der deutschen Geschichte und der Verklärung des kulturellen Langzeitgedächtnisses zu wehren und das Datum des 8. Mai nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Daher kann es auch heute nur heissen:
Keinen Raum für die Verklärung der Vergangenheit!
Gegen den Kollektivismus der Barbarei!
Für den Untergang Deutschlands!

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S.], Mai 2009