Als am 25. Oktober diesen Jahres im Hamburger Kulturkino „B-Movie“ der Film „Warum Israel“ des französischen Regisseurs Claude Lanzmann gezeigt werden sollte, sorgte eine Gruppe so genannter „Antiimperialist_innen“ – eine beliebte Selbstbezeichnung von Antizionist_innen und Antiamerikaner_innen – durch eine gewalttätige Blockadeaktion für eine vorläufige Absage der Filmvorführung.

In der Abfolge eines Freibriefversuches für diesen Exzess wurde behauptet, man habe versucht „Hetze“ zu verhindern. „Hetze“, das scheint für die Gefährt_innen des internationalistischen Zentrums „B5“ ein Film zu sein, der die Komplexität einer heterogenen israelischen Gesellschaft zu beleuchten und darzustellen versucht und diese nicht schon von vornherein und aus einem Prinzip heraus negiert. Dass die gewalttätigen Friedensfreund_innen offensichtlich nicht das geringste Interesse an dem Film selbst, oder an dessen Inhalten verspürten, ist nur allzu ersichtlich und wird erstrecht durch eine nachfolgend im „B5“ angesetzte Ausstrahlung des Films rundweg verspottet. Ihnen ging es einzig um das kollektive Erlebnis des ungehemmten Auslebens ihrer antisemitischen Ressentiments. Dass dieses in seiner Konsequenz zu weit mehr führen kann, als ‚nur‘ zur Drohgebärde, hat die Verhinderung der Filmaufführung im „B-Movie“ manifestiert.

Derartiges Unwesen steht jedoch keineswegs nur in Hamburg auf dem Programm deutscher ‚Bescheidwisser_innen‘. Was innerhalb eines mehr oder minder linken Konfliktes liebreizend unter dem Ticket „antideutsch“ verkannt wird, das trägt bundesweit Früchte: Dementsprechend offenherzig auch in der ostwestfälischen Provinzmetropole Bielefeld.

Dort hatten zwei ortsansässige Hochschulgruppen der Antifa für den 19. November eine Veranstaltung mit dem in Wien lebenden und als Journalist tätigen Shoahüberlebenden Karl Pfeifer organisiert. Während die Veranstaltung mit dem Titel „Antisemitismus, Antiziganismus und Neonazismus in Ungarn“ tags zuvor noch wie selbstverständlich in einer Münsteraner Örtlichkeit stattfinden konnte, riss diese Selbstverständlichkeit in Bielefeld an den Pforten des alteingesessenen „ArbeiterInnen-Jugend-Zentrums“ (kurz AJZ) ab.

Hier nämlich wurde Wochen im Voraus mit der AJZ-„Kneipengruppe“ für eben genau jene Veranstaltung ein Termin vereinbart, der jedoch obgleich prompter Zusage kurzfristig widerrufen wurde; ein Sonderfall. Mit verständlichem Unbehagen und der Hoffnung die Veranstaltung dennoch stattfinden lassen zu können, wurden die Vertreter_innen der Hochschul-Antifa nach auf die nächste „Hausversammlung“ am 17. November, ‚dem‘ Entscheidungsgremium des AJZs, verwiesen. Hier kam es dann – nur zwei Tage vor dem festgesetzten Veranstaltungstermin – endgültig zum Fallout: Einige Anwesende sprachen sich nunmehr explizit gegen das Stattfinden im AJZ aus.

Jene Personen konnten in ihrer ‚Erklärung‘ dafür nur den fadenscheinigen Grund hervorbringen, es hätte mit der Person des Referenten zu tun, wofür das so unbelegbare wie ungeheuerliche Gerücht in den Raum geworfen wurde, dieser wäre, irgendwann während seiner Militärzeit im sich gründenden Israel, an einem „Massaker“ beteiligt gewesen. Und so erkannte man: „Er ist ja eh Zionist“ – so lapidar wurde es unmittelbar von einer am Plenum teilnehmenden Person erfasst. Was dies in so einem Kontext bedeutet, hatte Claude Lanzmann bereits zu der Hamburger „Unzumutbarkeit“ klargestellt: „Sie nennen es Antizionismus, aber es ist Antisemitismus!“

In einer Anfang Dezember veröffentlichten Stellungnahme der AJZ-„Hausversammlung“ wird die Absage nicht etwa mit „Antisemitismus“ oder „Antizionismus“ begründet, sondern sei sich nur mit unzureichender Kommunikation zwischen dem AJZ und der Antifa zu erklären. Dass dies eine glatte Verkehrung der Gegebenheiten ist, ist jedoch eindeutig, da Mitglieder der „Kneipengruppe“ schon vor der möglichen, veranstaltungsrettenden „Hausversammlung“ Bedenken anberaumt hatten und eine Absage der Informationsveranstaltung forderten.

Auf der letzten hausinternen Versammlung, auf der die ungehaltenen Bedenken diskutiert werden sollten, konnte trotzdem niemand der Ankläger_innen verifizierte Informationen zu Klärung bzw. der Lösung dienlichen Auskünfte des unsicheren Veranstaltungsstatus beitragen.

Einer solchen Praxis, die konsenstechnisch mit verantwortet wird und sich nur auf unbewiesene Bezichtigungen stützt, ist keineswegs der Anspruch einer kritischen und sich immer wieder selbst von alten Bräuchen emanzipierenden Position zuzuschreiben, sondern lediglich ein Verharren in der klassisch linken Form. Der traditionelle Ritus des linken Appeasements lieferte also auch für dieses Glaubensbedürfnis schließlich die argumentative Legitimationsanleitung, dem ohne Prüfung der Denunziation Vorschub geleistet wurde. In typisch gefühlslinker Manier, die sich stets lieber für die zu wahrende Form und in diesem Fall für das „Konsensprinzip“ entscheidet, wurde eine nicht belegte Äußerung zum Anlass genommen und die Veranstaltung durch einmütige Stille im AJZ für abgesagt erklärt.

Wie der Verlauf der Reflexion in Bielefeld, gerade unter der aktuellen Erfahrung der Ereignisse in Hamburg, auch weitergehen mag, scheint es doch gerade jetzt unabkömmlich zu sein, das Nichtverhalten reproduzierender antisemitischer Bildnisse entschlossen zu thematisieren. Denn handelt es sich bei den Geschehnissen in den beiden Städten nimmermehr um Einzelerscheinungen, sondern vielmehr um ein generelles Zwieverhältnis vermeintlich anti-antisemitisch tätiger Strukturen. Wenn ein überwältigender Teil einer sich selbst als „emanzipatorisch“ verstehenden Allgemeinheit den gesamtgesellschaftlich virulenten und selbst gelebten Antisemitismus lieber totzuschweigen versucht, nur um ihn dann im Bedarfsfall wieder aus dem Hut zu zaubern, spätestens dann ist sie wieder einmal hinter ihre eigenen Ambitionen zurückgefallen und selbst Utensil bekämpfenswerter Ideologie geworden. Ein solcher Disput kann nur öffentlich geschehen und darf sich in keinem Fall in irgendwelche Hinterzimmer verlaufen. Der gängigen Praxis, sich dem Publikum und damit eines Rechtfertigungsdruckes gegenüber der eigenen Position zu entziehen, muss ein Ende bereitet werden. Aussitzen ist keine Option für den anzustrebenden Verständnisfortschritt, dessen Ziel die Emanzipation von Barbarei ist und deren Ernsthaftigkeit sich mindestens daran messen lassen muss, in welchem Maße sie bereit ist, sich a priori von dieser eine Absolution zu erteilen.

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S.], Dezember 2009