Wir haben uns heute hier zusammengefunden, um gegen die Wintersonnenwendfeier auf dem Hof Naatz zu protestieren. Bauer Naatz stellt seinen Hof bereits seit zwanzig Jahren der norddeutschen Neonaziszene für Veranstaltungen zur Verfügung. Diese Möglichkeit wird von Faschist_innen aller Couleur genutzt. Angefangen bei den Treffen der Heimattreuen Deutschen Jugend HDJ, der Nachfolgeorganisation der verbotenen Wikingjugend, über die NPD bis hin zu Freien Kameradschaften, findet sich hier regelmäßig ein breites Spektrum der rechten Szene Norddeutschlands ein. So fungieren die Treffen auf Hof Naatz folgerichtig als Bindeglied verschiedener rechter Strömungen. Ein Aspekt, der besonders unter der Betrachtung der Geschehnisse am 10. August 1999 in Eschede in den Fokus rücken sollte.

Vor neun Jahren wurde hier der 44-jährige Familienvater Peter Deutschmann von zwei Escheder Neonazis brutal in dessen Wohnung ermordet. Nachdem sich Deutschmann wiederholt über rassistische Äußerungen beschwert hatte, die die beiden ihm bekannten Täter regelmäßig von sich gaben, drangen diese in der Nacht vom 9. auf den 10. August 1999 in die Wohnung Deutschmanns ein. Sie prügelten auf ihr Opfer bis dieses am Boden lag ein, um anschließend mit Tritten nachzusetzen. Einer der Tritte zerschmetterte Deutschmanns Kehlkopf tödlich. Deutschmann erstickte unter Schmerzen.

Bei einem der rechten Täter handelte es sich im Marco Siedbürger, welcher nach der Tat zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt wurde. In der Hamelner JVA nutzte Siedbürger seine Zeit um Kontakte zur damaligen Kameradschaft Weserbergland zu knüpfen, welche sich um, den sich zu dieser Zeit ebenfalls in Haft befindlichen, Marcus Winter scharrte. In der Kameradschaft Weserbergland erlebte der zuvor von organisierten Neonazis eher gemiedene Siedbürger einen raschen Aufstieg zu einer wichtigen Person der Schaumburger Neonaziszene. Seitdem fällt er, neben seiner regelmäßigen Beteiligung an Naziaufmärschen, wie etwa dem jährlich stattfindenden „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf, weiterhin durch sein enorm hohes Aggressionspotential auf.

So hat er es seit seiner Haftentlassung im Jahr 2002 auf über 50 Strafanzeigen, hauptsächlich wegen Körperverletzungsdelikten gebracht, ist aber bis heute auf freiem Fuß geblieben. Im Verlauf einer strukturellen Reorganisierung der Schaumburger Neonaziszene, in dessen Zuge 2006 die „Nationale Offensive Schaumburg“ als Nachfolgeorganisation agierte, hat die Szene spätestens ab diesem Zeitpunkt ihre außergewöhnlich hohe Gewaltbereitschaft unter Beweis gestellt.

Diese drückte sich neben physischer Gewalt auch in psychischem Druck aus, welchen sie auf ihre politischen Gegner_innen ausübten. So verschickten sie etwa Drohbriefe an Menschen, die sie in Öffentlichkeit kritisierten. Einem gegen Marcus Winter ermittelnden Staatsanwalt wurden die Worte „Pfleiderer Du Judenknecht“ an die Hauswand gesprüht. Einhergehend mit den Inhaftierungen der Schaumburger Führungskader und der Umbenennung in „Nationale Sozialisten OWL/SHG“ ist es in der nahen Vergangenheit ruhiger um die Szene geworden.

Bis auf den jährlichen Aufmarsch in Bad Nenndorf und gelegentlichen Flyerverteilaktionen, ebenda, sind die Neonazis kaum in Erscheinung getreten. Doch abgesehen davon waren Schaumburger Neonazis – und damit auch Marco Siedbürger – ehemaliger Bewohner von Eschede, auch immer Teilnehmer_innen der Sonnenwendfeiern auf Hof Naatz.

Der jährlich als „Trauermarsch“ proklamierte Aufmarsch Schaumburger Neonazis konnte sich in diesem Jahr mit einer Teilnehmer_innenzahl von über 400 Menschen, als größtes regelmäßig stattfindendes Aufmarschziel Norddeutschlands etablieren. Dass der Trauermarsch damit in der rechten Szene allgemein an Attraktivität zugenommen hat, sprich dafür, dass sich die Teilnehmer_innenzahl durch ein großes Einzugsgebiet, aus welchem die Nazis nach Bad Nenndorf kommen, vergrößern wird. Die dort jährlich betriebene Geschichtsverdrehung, die die deutschen Täter_innen des Nationalsozialismus zu Opfern alliierter Terrorgewalt umgedeutet werden, steht in Tradition des verbotenen Rudolf Hess Gedenkens in Wunsiedel und erinnert stark an die rechte Argumentation um den alliierten Bombenangriff auf Dresden. Werden doch die im Wincklerbad inhaftierten Kriegsgefangenen als unschuldige Opfer präsentiert, die den wahren Greueltäter_innen des Zweiten Weltkrieges, den Alliierten – hier in Form der Briten – in die Hände fielen. Dass hierbei bürgerliche und rechte Ansichten nahe beieinander liegen, ist ein typischen Phänomen einer postnazistischen Gesellschaft, in welcher wir leben. Ein deutlicher Hinweis hierfür, ist der von Bad Nenndorfs Bürgermeister geäußerte Vorschlag, doch ein Schild anzubringen, welches an die deutschen Opfer erinnere. So bilden sowohl die Treffen in Eschede, als auch die Naziaufmärsche in Bad Nenndorf Fixpunkte der rechten Szene Norddeutschlands von beachtlicher Wichtigkeit. Doch sowohl in Bad Nenndorf, als auch in Eschede, sind diese in keinem Fall von großem öffentlichen Protest begleitet. Lediglich von Seiten regionaler antifaschistischer Gruppen wird versucht auf die Problematiken aufmerksam zu machen und aktiv gegen sie vorzugehen. Um, auch in der antifaschistischen Szene, die beiden wichtigen Kulminationspunkte rechter Ideologien in einem breiteren Rahmen zu thematisieren, gilt es diese mit regelmäßig geführten Kampagnen bekannt zu machen um sie endgültig zu unterbinden.

Nazitreffen in Eschede und Bad Nenndorf verhindern!
Krieg den deutschen Zuständen!

Kritische Initiative Schaumburg [K.I.S], Dezember 2008